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Brexit: UK hat starke Verhandlungsposition gegenüber EU

28.01.2020

Das Vereinigte Königreich hat sich für die Aushandlung eines Freihandelsabkommens in eine starke Position gegenüber der EU gebracht. Zum einen ist die jetzt gültige Rückfalllösung im Falle keines Freihandelsabkommens für die EU deutlich teurer, als der Backstop von Theresa May es gewesen wäre. Zum anderen hat London für die Zeit nach dem endgültigen Ausscheiden eine kluge Zollstrategie vorgelegt, die die EU unter Druck setzt.

„Nach dem Ausscheiden aus der Europäischen Union wird Großbritannien nur auf wenige Produkte Zölle erheben. Diese sind so schlau gewählt, dass sich das Land gleichzeitig die Versorgung durch günstige Importe aus Drittländern sichert, trotzdem hohe Zolleinnahmen verzeichnet und Exporteure aus der EU besonders betroffen wären“, sagte IfW-Präsident Gabriel Felbermayr anlässlich einer gemeinsamen Analyse mit den IfW-Forschern Alexander Sandkamp und Vincent Stamer. „Großbritannien hat sich damit in eine starke Verhandlungsposition für ein Freihandelsabkommen mit der EU gebracht.“

Demnach will das Vereinigte Königreich nach dem endgültigen Ausscheiden aus der Europäischen Union nur auf knapp 800 Produkte Abgaben erheben. Das sind nur 4,8 Prozent aller 16.000 Produkte der EU-britischen Zollliste. Auf mehr als 95 Prozent der Waren würden keine Zölle erhoben. Bezogen auf den Warenwert liegt der Durchschnittszoll auf Importe in das Vereinigte Königreich dann nur bei 1,2 Prozent. Damit erhebt Großbritannien deutlich geringere Zölle als die EU, die rund 80 Prozent aller Produkte mit Zöllen belegt, bezogen auf den Warenwert liegt der Durchschnittszoll bei 3 Prozent.

Dennoch würde Großbritannien damit Zolleinnahmen von Ländern außerhalb der EU von 1,4 Milliarden Euro generieren, weil vor allem volumenstarke Produkte aus den Bereichen Automobil und Textilien betroffen sind. Aufgrund der spezifischen Handelsstruktur wären Exporteure aus der EU besonders betroffen und müssten ohne ein Freihandelsabkommen 4,9 Milliarden Euro an Zöllen an das Vereinigte Königreich abführen. Verlieren europäische Exporteure dadurch Marktanteile in Großbritannien, verursacht dies einen spürbaren wirtschaftlichen Schaden in der EU.

„Großbritannien setzt die EU durch seine Zollstrategie unter Druck. Nach dem Ausscheiden aus der EU wird das Königreich als Handelspartner für andere Länder attraktiver. Europäische Exporteure bekommen deutlich mehr Konkurrenz, dies ist ein starker Anreiz für die EU, ein Freihandelsabkommen mit den Briten zustande zu bringen“, so Felbermayr.

Zusätzlicher Erfolgsdruck für die EU besteht durch die komplexe Rückfalllösung, die sie mit Boris Johnson vereinbart hat, sollte kein Freihandelsabkommen gelingen. „Nordirland ist in diesem Fall faktisch gleichzeitig Teil des britischen Zollgebiets und Teil des europäischen Binnenmarktes“, fügt Co-Autor Stamer hinzu. „Die EU ist dann zur Wahrung ihrer Interessen auf die britische Zollbehörde angewiesen, die sie nicht kontrollieren kann. Im Vergleich zur May-Lösung und dem Backstop, der einen Verbleib Großbritanniens in der EU-Zollunion vorgesehen hatte, ist die Johnson-Lösung deutlich teurer, bürokratisch extrem aufwendig und es droht massiver Betrug.“
 
Die EU muss nach dem Brexit sowohl auf britische Mitgliedsbeiträge in Höhe von 6,8 Milliarden Euro als auch auf ihre bisherigen Zolleinnahmen durch Importe aus Drittländern nach Großbritannien verzichten, aufgrund der höheren Zollsätze sind dies aktuell 3,7 Milliarden Euro, abzüglich der Kosten der Zollbehörden. Ohne Abkommen müssten Exporteure aus Großbritannien 6,7 Milliarden Euro an Zöllen an die EU abführen.

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Kopfbild: Landeshauptstadt Kiel / Kerstin Dronske