Detailansicht

Logo: wissenschafftzukunft kiel
Logo: Landeshauptstadt Kiel
DetailansichtDetailansicht
Logo: wissenschafftzukunft kiel

„Wie ein Gefängnis“: Studie der Uni Kiel zum Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie

In der Corona-Pandemie entwickelten sich Flüchtlingsunterkünfte vielerorts zu Hotspots mit einem dynamischen Infektionsgeschehen. Verantwortlich dafür war vor allem die räumliche Enge, die Sicherheitsabstände unmöglich machte.

Dr. Nikolai Huke von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) ist im qualitativen Forschungsprojekt „Gefährdetes Leben. Alltag und Protest in Flüchtlingsunterkünften im Zuge der Corona-Pandemie“ der Frage nachgegangen, wie sich dadurch der Alltag von Asylsuchenden verändert hat.

Dafür hat der Wissenschaftler vom Institut für Sozialwissenschaften 16 Asylsuchende interviewt, die während der ersten und zweiten Welle der Pandemie in Flüchtlingsunterkünften lebten.

Die Befragung knüpft an Erkenntnisse aus vorpandemischen Studien an. Sie zeigt beispielhaft die im vergangenen Jahr in den Unterkünften entstandenen oder auch verstärkten Probleme auf und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab.

Ergebnisse des Projekts werden in einer von Pro Asyl herausgegebenen Studie veröffentlicht. Interviewausschnitte spiegeln das persönliche Erleben der Betroffenen wider.

„Die von mir geführten Interviews zeichnen ein in vielerlei Hinsicht erschreckendes Bild vom Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie“, stellt Dr. Nikolai Huke fest. „Sie zeigen einerseits grundsätzliche Probleme des Unterbringungssystems auf: Rassismus, unzureichende medizinische Versorgung, Lärmbelastung, fehlende Privatsphäre oder Security-Gewalt. Andererseits verdeutlichen sie, wie die Corona-Pandemie in vielen Bereichen problemverschärfend wirkte.“

So schilderten die Befragten, dass sie sich durch Mehrbettzimmer und geteilte Räumlichkeiten wie Speisesäle kaum sozial distanzieren konnten. Vielerorts fehlten Masken, Seife oder Desinfektionsmittel.

„Mehrwöchige Quarantänen waren nicht nur psychisch belastend, sondern erhöhten – durch weiterhin enge Kontakte der Bewohner*innen untereinander – in einigen Fällen auch die Infektionsgefahr. Sozialmanagement und Behörden waren teilweise nur noch begrenzt erreichbar“, so Huke.


Gewalterfahrungen und gesellschaftliches Desinteresse

„Viele der von mir Interviewten hatten das Gefühl, mit ihren Erfahrungen in der Öffentlichkeit kein Gehör zu finden. Sie hatten daher ein großes Bedürfnis, von den Problemen, denen sie im Alltag gegenüberstehen, zu erzählen“, führt Huke weiter aus.

„Teilweise haben sie in den Interviews von extremen Belastungserfahrungen erzählt, über die sie jenseits ihres unmittelbaren Umfelds noch kaum gesprochen hatten, etwa am eigenen Körper erlebte Security-Gewalt.“

Wichtig sei für ihn, dass die Befragten in einer Sprache sprechen konnten, in der sie keine Hemmungen oder Schwierigkeiten hatten, zu erzählen. Huke: „Ich habe daher die Interviews – je nach Muttersprache und Deutschkenntnissen der Interviewten – auf Deutsch, Englisch, Französisch oder – mit Sprachmittlung – auf Farsi geführt. Da mir wichtig ist, dass die Erfahrungen der Asylsuchenden in der Öffentlichkeit eine größere Aufmerksamkeit erhalten, freue ich mich sehr, dass Pro Asyl sich bereit erklärt hat, Ergebnisse der Forschung in Form der vorliegenden Studie zu veröffentlichen.“

Auch Pro Asyl begrüßt die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftler der Universität Kiel. „Die vorliegende Studie lässt die Betroffenen ausführlich zu Wort kommen. Dies ist auch deshalb ein wichtiger Beitrag, weil der Zivilgesellschaft der ungehinderte Zugang in die Erstaufnahmelager und damit ein kritischer Blick auf deren innere Verhältnisse mancherorts verwehrt wird“, stellt die Menschenrechtsorganisation im Vorwort der Studie fest.

„Die Äußerungen der Bewohner*innen in der Studie zeigen, dass die strukturellen Bedingungen in Erstaufnahmeeinrichtungen und anderen Massenunterkünften für die Bewohner*innen eine üble Zumutung und für ihre gesellschaftliche Partizipation kontraproduktiv sind“, betont Andrea Kothen von Pro Asyl.

„Sie bestätigen einmal mehr die Kritik, die wir gemeinsam mit vielen anderen Organisationen an den AnKERzentren haben. Die Lager gehören abgeschafft, wir brauchen eine neue Aufnahmepolitik.“

Handlungsempfehlungen

Basierend auf den Ergebnissen der Interviews spricht die Studie Handlungsempfehlungen zum Beispiel zur Unterbringung in Wohnungen oder für effektive Schutzkonzepte aus.

Die Studie „Bedeutet unser Leben nichts?“ Erfahrungen von Asylsuchenden in Flüchtlingsunterkünften während der Corona-Pandemie in Deutschland“ ist auf der Seite von Pro Asyl verfügbar: www.proasyl.de/wp-content/uploads/210809_PA_Lager.pdf


Zum Hintergrund

Dr. Nikolai Huke führte im vergangenen Jahr 16 problemzentrierte qualitative Interviews mit Asylsuchenden, die während der ersten und zweiten Welle der Corona-Pandemie in Flüchtlingsunterkünften lebten. Der qualitative Zugang wurde gewählt, um Erfahrungen der Asylsuchenden lebens- und praxisnah in detaillierter Form zu erheben.

Ziel des Forschungsprojekts war es, alltägliche Probleme der Asylsuchenden im Zuge der Pandemie zu identifizieren. Darüber hinaus fragte das Forschungsprojekt danach, welche Formen von politischem Protest gegen die Unterbringungsbedingungen entstanden. H

ierfür wurden über eine Medienanalyse Unterkünfte identifiziert, in denen es zu öffentlich sichtbaren Protesten kam. Für diese Unterkünfte wurde über das Sozialmanagement oder zivilgesellschaftliche Unterstützerinnen und Unterstützer ein Kontakt zu Bewohnerinnen und Bewohnern für die Interviews hergestellt. Die explorativen Interviews wurden aufgrund der Pandemie telefonisch oder per Videokonferenz geführt.
 

Kopfbild: Landeshauptstadt Kiel / Kerstin Dronske
Foto rechts: Albina Akhmedova