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Verlassene Städte in der Steppe

18.06.2019

Ein neues Forschungsprojekt untersucht Rollen und Wahrnehmung frühneuzeitlicher religiöser und militärischer Zentren in der nomadisch geprägten Mongolei.

Die Abwanderung der Menschen vom Land in größere Zentren, aber auch die gewaltsame Zerstörung von Siedlungen und Städten sind Phänomene, die die Weltgeschichte seit vielen tausend Jahren prägen. Parallel dazu entstehen schrumpfende und gänzlich verlassene Städte, sogenannte Lost Cities, vergessene Orte in ländlichen Regionen, deren ursprüngliche Bedeutung unterschiedlich fortwirken kann.

Auch in der von nomadischer Lebensweise geprägten Mongolei finden sich solche verlassenen urbanen Plätze. Als frühere Zentren sesshaften Lebens leisten sie bis heute einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität des Landes, den es genauer zu entschlüsseln gilt. Es sind das tradierte Hirtennomadentum, die Rezeption chinesischer und tibeto-buddhistischer Einflüsse und die kaum einhundert Jahre zurückliegende Staatsgründung als Volksrepublik, die dieses Spannungsfeld im kulturellen Gedächtnis bestimmen.

Die Erforschung einiger dieser Stätten hat sich ein neues ethnoarchäologisches Forschungsprojekt an der Christian-Albrechts-Universität zur Kiel (CAU) zum Ziel gesetzt. Das Projekt „Verlassene Städte in der Steppe: Rolle und Wahrnehmung religiöser und militärischer Zentren in der nomadisch geprägten Mongolei“ kontrastiert dabei buddhistische Klostersiedlungen mit vermutlichen Militärlagern mandschurischer Besatzer während der Qing-Dynastie (1616-1911). Es will neue Erkenntnisse über verschiedene Facetten des urbanen Lebens in der frühneuzeitlichen Mongolei gewinnen und untersuchen, wie sie das kulturelle Gedächtnis über mehrere Generationen hinweg bis in die heutige Zeit prägen.

Aktuell führen etwa 30 Prozent der mongolischen Bevölkerung ein Leben als Nomaden. Diese mobile Lebensweise ist ebenso wesentlicher Bestandteil der kulturellen Identität wie auch der Bezug zum Aufstieg des mongolischen Reiches unter der Führung der Großkhane – allen voran Dschingis Khan – im 13. und 14. Jahrhundert. Wenig ist dagegen über die folgenden Jahrhunderte bekannt, als die Mongolei unter der Dominanz der chinesischen Ming-Dynastie und später der mandschurischen Qing-Dynastie stand. Das Wissen über diese Zeit zu erweitern und ihr Fortwirken bis in die Gegenwart zu untersuchen, steht im Zentrum des neuen Forschungsprojektes.

„Besonders spannend an diesem Projekt ist, dass wir eine Periode erforschen, über die sehr wenig bekannt ist“, erläutert Professorin Henny Piezonka vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU. „Die Fremdherrschaft der Mandschu hat in der archäologischen Forschung in der Mongolei bisher wenig Beachtung gefunden. Wir wollen untersuchen, wie sich diese Periode in die Kulturlandschaft eingeschrieben hat, wie sie erinnert wird und inwieweit sie bis heute fortwirkt.“ Dazu werden in einem interdisziplinären Ansatz ethnographische Forschung, archäologische Feldarbeit und Verfahren der Fernerkundung kombiniert. Um herauszufinden, wie sich die Geschichte bis heute im Bewusstsein der lokalen Bevölkerung widerspiegelt, werden Interviews mit den Menschen vor Ort geführt und ausgewertet.

Neben buddhistischen Klöstern sind auch vermutliche frühneuzeitliche Militäranlagen Gegenstand der Untersuchungen. Deren Entdeckung geschah eher zufällig: Archäologin Dr. Birte Ahrens entdeckte auf Satellitenbildern ungewöhnliche Muster in der Landschaft, die sich bei genauerer Untersuchung als ausgedehnte Grubenanlagen erwiesen. Analysen der Oberflächenfunde und Strukturen führten zu der Vermutung, dass es sich dabei um Marschlager mandschurischer Truppen handeln dürfte. Genaueren Aufschluss werden nun die Feldarbeiten liefern, die im September 2019 beginnen werden.

Weitere Projektpartner neben der CAU sind die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (Prof. Dr. Martin Oczipka) sowie die Mongolische Akademie der Wissenschaften (Prof. Dr. Chuluun Sampildonov). Eine intensive Zusammenarbeit besteht auch mit dem Deutschen Archäologischen Institut (Dr. Christina Franken). Das Projekt wird von der Gerda-Henkel-Stiftung im Rahmen des Förderschwerpunktes „Lost Cities – Wahrnehmung von und Leben mit verlassenen Städten in den Kulturen der Welt“ gefördert.

 

 

Kopfbild: Landeshauptstadt Kiel / Kerstin Dronske
Fotos rechts: Jonathan Ethier /
Uni Kiel; Birthe Ahrens / Uni Kiel; Birthe Ahrens / Uni Kiel