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Verheiratete Adlige, Klosterschwestern, Bildungsnomaden

25.04.2019

Kieler Studentinnen veröffentlichen Buch über Kindsein im Spätmittelalter

„Herzlieber Vater und Mutter, ich danke euch freundlich und andächtig dafür, dass Ihr mich nicht vergessen habt“ – das schreibt die etwa 14-jährige Gertrude von Sickingen 1494 aus dem Klarissenkloster in Trier an ihre Eltern in der pfälzischen Heimat.

Im 15. Jahrhundert war es nicht ungewöhnlich, die eigenen Kinder ins Kloster zu schicken. Genauso üblich war es, höchstens noch per Brief Kontakt zu den Sprösslingen zu halten. Diese und viele weitere Lebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen, die zwischen 1250 und 1700 lebten, haben Marie Jäcker und Denise Schlichting, Studentinnen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), recherchiert und nun als Buch in der Reihe „Kieler Werkstücke“ veröffentlicht.

„Kindheiten und Jugend in Deutschland (1250-1700)“ gibt Einblicke in die Lebenswelt vormoderner Menschen vom Säuglingsalter an, über Früherziehung, Ausbildung bis zur Verheiratung. Jäcker und Schlichting fanden auch Zeugnisse des Umgangs von Eltern mit dem Kindstod. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit war eine besonders hohe Kindersterblichkeit allgegenwärtig. Nicht nur Säuglinge, sondern auch ältere Kinder, die oftmals Kinderkrankheiten zum Opfer fielen, waren betroffen. Als Quellen für die unterschiedlichen Biografien der Kinder dienten den Studentinnen überlieferte Briefwechsel zwischen Elternteilen und zwischen Eltern und Söhnen bzw. Töchtern. Diese mussten erst einmal aus dem Mittelhochdeutschen, Altfranzösischen und Latein übersetzt werden. Dazu erforschten die Herausgeberinnen auch die historischen Kontexte. Den Anstoß für das Projekt gab ein Seminar über Kindheit des Sozialhistorikers Professor Gerhard Fouquet, der Mitherausgeber ist.

Herausgekommen ist ein Buch, das mit dem Klischee aufräumt, im Mittelalter hätte es keine Kindheit gegeben. Kinder wurden nicht etwa „wie kleine Erwachsene“ behandelt, erklärt Marie Jäcker: „Die Briefwechsel sind teilweise sehr emotional und zeugen davon, wie sehr sich Eltern Sorgen um ihre Kinder machten.“ Dass Kinder auch einfach Kinder sein durften, zeigt auch ein Brief Martin Luthers an seinen vierjährigen Sohn Johannes, in dem von Spielsachen die Rede ist. Die Wahl der Strategie, die Eltern aus dem Adel, der Kaufmannschaft und dem Bauerntum trafen, um ihre Kinder gut versorgt zu wissen, zeitigte allerdings auch negative Konsequenzen. Die tragische Geschichte der adligen Amalie von Brandenburg, die bereits als Vierjährige verlobt und mit 14 Jahren verheiratet wurde und mit 19 unglücklich verstarb, ist dafür ein eindrückliches Beispiel.

Überhaupt wurde Kindern und Jugendlichen im Mittelalter und der Vormoderne einiges abverlangt, ob sie nun an fremde Höfe, ins Kloster oder an Schulen im Ausland geschickt wurden. Vergleiche mit den Bedingungen heute sind naturgemäß schwierig: „So manche Entscheidung würden wir heute verwerflich finden“, sagt Denise Schlichting. „Aber die damaligen Lebensrealitäten  machten sie notwendig, wollte man seinem Kind ein gutes Leben ermöglichen.“

Konzipiert haben Marie Jäcker, Denise Schlichting und Gerhard Fouquet das Buch in erster Linie für den Einsatz an Schulen. Kinder und Jugendliche können mit den anschaulichen Lebensgeschichten erfahren, wie Kinder in anderen Zeiten gelebt haben. Schlichting: „Auf der persönlichen Ebene von Eltern und Kindern können sich Schülerinnen und Schüler viel leichter mit den Biografien verbinden, als mit historischen Fakten zu großer Politik etwa.“

Über das Buch:
Fouquet, Jäcker, Schlichting: Kindheiten und Jugend in Deutschland (1250-1700). Ein Quellenlesebuch. Kieler Werkstücke. Peter Lang: Berlin 2018.
ISBN: 978-3-631-77030-6

Über die Herausgeberinnen:
Marie Jäcker studiert Geschichte und Anglistik/Nordamerikanistik in Kiel. 2017 war sie studentische, seit 2019 ist sie wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Denise Schlichting studiert Geschichte und Germanistik in Kiel, seit 2017 mit den Schwerpunkten Mittelalterliche Geschichte und Literaturvermittlung. Sie ist als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte tätig.

 

Kopfbild: Landeshauptstadt Kiel / Kerstin Dronske
Fotos rechts: Denis Schimmelpfennig / Uni Kiel