Detailansicht

Logo: wissenschafftzukunft kiel
Logo: Landeshauptstadt Kiel
DetailansichtDetailansicht
Logo: wissenschafftzukunft kiel

Kieler Biochemiker erhält Horizon Impact Award

27.09.2019

Die Europäische Kommission würdigt den gesellschaftlichen Fortschritt durch die Forschung von Paul Saftig.

Professor Paul Saftig vom der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) wurde von der Europäischen Kommission mit dem Horizon Impact Award ausgezeichnet. Der Preis zeichnet konkrete Leistungen aus, die nachweislich von gesellschaftlichem und ökonomischem Wert sind, und würdigt die Menschen, die sie ermöglicht haben.

Saftig wird für seine EU-geförderte Forschung zur alpha-Mannosidose, einer sehr seltenen Krankheit, geehrt. Die Forschung innerhalb von drei europaweiten Verbundprojekten erstreckte sich über mehr als zehn Jahre und führte letztlich zur Entwicklung einer neuen Therapie. Die Auszeichnung wurde ihm sowie drei weiteren einflussreichen Forscherinnen und Forschern bei einem Festakt während der „European Research and Innovation Days“ in Brüssel überreicht.

Professor Paul Saftig über die Forschung zur alpha-Mannosidose im Video / YouTube

Professor Paul Saftig ist Grundlagenforscher an der Uni Kiel. Er interessiert sich unter anderem für Enzyme, also für Stoffe, die Umbauprozesse im Körper ermöglichen und beschleunigen. Seit mehr als 20 Jahren erforscht er die verschiedenen Enzyme, die das körpereigene „Recyclingsystem“ in den sogenannten Lysosomen, kleinen Bläschen in der Zelle, gewährleisten. Fehlen Enzyme oder funktionieren sie nicht richtig, kann es zur krankhaften Speicherung von großen Molekülen kommen, was langfristig zum Zusammenbruch der normalen Funktion der Lysosomen und Zellen führt. „Und das hat Konsequenzen für den ganzen Körper“, erklärt Saftig. Er forscht und lehrt seit 2001 am Biochemischen Institut der Medizinischen Fakultät und ist Mitglied des Direktoriums des Biochemischen Instituts.

Eine solche lysosomale Speichererkrankung ist die alpha-Mannosidose. Diese sehr seltene genetische Erkrankung betrifft weltweit weniger als 500 Menschen, überwiegend Kinder. Die ersten Symptome treten in der frühen Kindheit auf und umfassen Hörverlust, fortschreitende Gesichts- und Skelettdeformitäten, geistige Behinderung, vielfältige Organanomalien und wiederkehrende Infektionen. Die Erkrankung ist derzeit nicht heilbar und führt unbehandelt zum Tod der Betroffenen.

Krankheitsursachen und therapeutische Optionen für die alpha-Mannosidose wurden in mehreren aufeinanderfolgenden Verbundprojekten unter Koordination von Saftig mit EU-Förderung untersucht. „Von der Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Forschung wurden wir unterstützt. Ohne diese EU-Förderung und ohne die Erkenntnisse, die dabei gewonnen wurden, wäre die Therapie heute nicht auf dem Markt“, betont Saftig.

„Wir haben damit angefangen, das fehlerhafte Enzym, die alpha Mannosidase, grundlegend zu untersuchen und anschließend ein Mausmodell durch gentechnische Methoden generiert, das die Erkrankung beim Menschen nachahmt. Es ist uns gelungen, dieses Enzym außerhalb des Körpers herzustellen.“ Die neue Therapie wurde im Mausmodell erfolgreich getestet. Aufbauend auf diesen Befunden wurde ein Medikament entwickelt, das betroffenen Kindern injiziert werden kann. „Diese Enzymersatztherapie ist letztes Jahr auf den Markt gekommen“, freut sich der Wissenschaftler.

„Wir bekommen den Horizon Impact Preis aber nicht nur für die neue Therapie, die Patientinnen und Patienten mit alpha-Mannosidose sowie deren Angehörigen nutzt.“ Die Forschung habe auch wirtschaftliche Auswirkungen. „Eine Pharmafirma aus Italien hat Produktion und Vermarktung der Enzymersatztherapie übernommen und dafür die Lizenz von dem dänischen Biotechnologie-Unternehmen, mit dem wir lange zusammengearbeitet haben, abgekauft. Es wurden Arbeitsplätze gewonnen. Und wir lernen natürlich auch weiter, diese Art von Therapie für andere verwandte Erkrankungen auszunutzen.“

Paul Saftig, geboren 1962, studierte an den Universitäten Bonn und East Anglia, Norwich, promovierte an der Universität Göttingen und schloss dort auch seine Habilitation ab. Seit Dezember 2001 ist er Professor für Biochemie und Direktor am Biochemischen Institut der CAU. In seiner Forschung analysiert er insbesondere die Enzyme innerhalb von Lysosomen, dem „Recyclingsystem“ der Zelle sowie Enzyme, die zur gezielten Spaltung von Proteinen an der Plasmamembran beitragen. Erkenntnisse aus diesen Grundlagenforschungsprojekten sind zum Beispiel relevant für lysosomale Speichererkrankungen wie die alpha-Mannosidose und neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer Erkrankung.

Für seine Forschung zum besseren Verständnis der Alzheimerkrankheit erhielt er 2010 den mit 100.000 Euro dotierten Alzheimer-Forschungspreis der Hans und Ilse Breuer-Stiftung. Saftig war maßgeblich an der Identifizierung der biologischen Funktion von drei Genen beteiligt, welche die „Alzheimerschere“ codieren. Es handelt sich dabei um Enzyme, die für die Entstehung von Amyloidablagerungen im Gehirn verantwortlich sind.

Über den Horizon Impact Award
Mit dem erstmals 2019 verliehenen Horizon Impact Award würdigt die Europäische Kommission herausragende Projekte, die ihre Ergebnisse dazu genutzt haben, einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen. Diese Projekte müssen durch die Förderprogramme RP7 und Horizon 2020, den Forschungs- und Innovationsprogrammen der EU finanziert worden sein. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.

 

Kopfbild: Landeshauptstadt Kiel / Kerstin Dronske