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Joachim Gauck besucht Kieler Forschungsstelle Toleranz

Diskussion im Audimax der Kieler Universität: Bundespräsident a.D. wirbt für „kämpferische Toleranz“

Bei einem Besuch der Kieler Forschungsstelle Toleranz (KFT) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) am Mittwoch informierte sich der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck über deren wissenschaftliche Arbeit. Auf Einladung der KFT diskutierte Gauck am Abend bei einem Podiumsgespräch mit dem Leiter der Forschungsstelle Professor Bernd Simon und dem Kieler Theologen Professor Hartmut Rosenau über die Notwendigkeit und die Grenzen von Toleranz.

Der Bundespräsident a.D. nutzte die Möglichkeit, mit den Forschenden ins Gespräch zu kommen. Karin Prien, Landesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, nutzte ebenfalls die Gelegenheit um die Kieler Forschungsstelle Toleranz zu besuchen. Die Einrichtung am Lehrstuhl für Sozialpsychologie und Politische Psychologie erforscht auf der Grundlage einer wissenschaftlich fundierten Konzeption Möglichkeiten der praktischen Umsetzung und gesellschaftlichen Wirksamkeit von Toleranz.

Professor Simon stellte Joachim Gauck das Konzept vor, das den Toleranz-Begriff zwischen vollständiger Akzeptanz und ungezügelter Ablehnung setzt. „Diese Zwischenposition bedeutet, dass wir keineswegs unsere Ablehnung ‚des Anderen‘ aufgeben müssen, um tolerant zu sein. Allerdings verlangt Toleranz von uns, dass wir diese Ablehnung zügeln – und zwar durch Respekt im Sinne von Gleichheitsanerkennung gegenüber allen Menschen“, erläuterte der KFT-Leiter später den Zuhörenden bei der Diskussion im Audimax.

Diese Auffassung von Toleranz werde nicht mit Harmonie-Erwartungen und weitergehenden Forderungen nach Wertschätzung oder sogar Zuneigung überfrachtet.

Am Abend konnte der Bundespräsident a.D., Theologe und Mitinitiator des Widerstands gegen die SED-Diktatur seine Auffassung zur Toleranz in dem Podiumsgespräch vor 380 Zuhörenden erläutern. Rolf Fischer, Staatssekretär a.D. und Vorsitzender des KFT-Beirats, begrüßte die Mitwirkenden, durch das Gespräch führte Professorin Ilka Parchmann, ehemalige CAU-Vizepräsidentin für Wissenschaftskommunikation.

„Toleranz – einfach schwer“, lautete die Eingangsthese von Joachim Gauck, auch sein kürzlich erschienenes Buch trägt diesen Titel (mit Helga Kirsch, Herder-Verlag). Toleranz fordere, die Andersartigkeit eines Anderen auszuhalten, „obwohl ich seine Meinung oder sein Verhalten ablehne“. Etwas zu tolerieren bedeute deshalb auch nicht automatisch, es auch wertzuschätzen. 

So meine Toleranz auch nicht unbedingt, dass man alle Kulturen gleichermaßen zu achten habe. Gauck spielte dabei auf politische Kulturen an, die menschenverachtend, rassistisch, frauenfeindlich oder auf andere Weise intolerant seien. Andere Weltanschauungen zu tolerieren schließe ein, die Auseinandersetzung nicht zu scheuen.

Der Bundespräsident a.D. nannte als Beispiel den Einzug der AfD in den Bundestag. Als es darum gegangen sei, einen Bundestags-Vizepräsidenten aus den Reihen der AfD-Fraktion zu wählen, habe er die Ablehnung der anderen Parteien zwar nachvollziehen können. Doch auch wenn es schwerfalle, müsse man tolerieren, dass die rechtspopulistische Partei demokratisch legitimiert sei. Dazu gehöre aber auch, politisch den „heftigen Streit zu wagen“. Joachim Gauck warb in der immer pluralistischer werdenden Gesellschaft für eine „kämpferische Toleranz“.

Diese sei nicht auf passives Erdulden beschränkt, sie schließe den kämpferischen Wettstreit um die richtige Meinung ein. Gleichzeitig müsse es in einer zivilisierten, demokratischen Gesellschaft Grenzen geben: „Wenn Toleranz und Pluralität bedroht sind, ist gegenüber Intoleranten auch Intoleranz geboten.“ Es sei tatsächlich schwer, Toleranz zu praktizieren, aber es „lohne“ sich – und zwar individuell wie politisch, sagte Gauck. 

Für eine plurale Gesellschaft mit ihrem Neben- und Durcheinander von verschiedenen Weltanschauungen und Lebensstilen sei Toleranz eine notwendige, aber auch schwer einzulösende Bedingung ihres friedlichen Bestehens, sagte Professor Hartmut Rosenau: Sie könne nur schlecht institutionell geregelt oder gar von außen verordnet werden, sondern müsse schon in einer persönlichen Haltung oder Gesinnung angelegt sein.

„Bei deren Ausbildung spielen Religionen und religiöse Erziehung eine große Rolle.“ Toleranz zu leben, bedinge, in einer inneren Haltung verwurzelt zu sein. Denn Toleranz bedeute, sich selbst zu relativieren. Toleranz anderen gegenüber zeige sich auch darin, zwischen der Person und ihrem Tun zu unterscheiden: Ich kann das Handeln kritisieren, aber gleichzeitig den Menschen respektieren“, betonte Professor Rosenau. Kämpferische Toleranz im Sinne von Joachim Gauck müsse sich in Worten ausdrücken. Bei physischer Gewalt gegen Andersdenkende höre Toleranz auf.

Über die Bedeutung der Toleranz innerhalb von Gesellschaften sagte Professor Bernd Simon: „Wir haben als Menschen durchaus eine natürliche Begabung, den Anderen oder die Andere als gleichwertiges Menschenkind zu sehen und ihm oder ihr grundsätzlich Respekt entgegenzubringen.“ Doch Einflüsse von außen, etwa durch politische Propaganda provozieren Ablehnung gegenüber dem „Fremden“, um diese zu instrumentalisieren, indem sie unterstelle: Das sind gar keine vollwertigen Menschen.

„So wird Respektlosigkeit und Intoleranz legitimiert. Ablehnung gegenüber Fremdgruppen kann sich zügellos zur Gewalt steigern“, erläuterte der Sozialpsychologe. Er plädierte dafür, intolerantem Verhalten jedoch nicht durch eigene Intoleranz zu begegnen, sondern den Respekt Andersdenkenden gegenüber stets zu wahren. 

Die Kieler Forschungsstelle Toleranz hat sich die Grundlagenforschung zur zentralen Aufgabe gemacht. Auch die auf die Toleranzthematik ausgerichtete akademische (Aus-)Bildung von Studierenden und Nachwuchswissenschaftler*innen sowie der Erkenntnistransfer in die Gesellschaft gehören zu den Aufgaben des neunköpfigen KFT-Teams.

Mehr Informationen im Internet: www.kft.uni-kiel.de

 

Kopfbild: Landeshauptstadt Kiel / Kerstin Dronske
Fotos rechts: Christina Kloodt / Uni Kiel